Schwäbische Post 9.5.2005

GEDENKKONZERT / Ergriffenes Schweigen nach der Aufführung von Benjamin Brittens "War Requiem" gestern Abend

Das "Amen" bringt etwas Trost

Die Glocken schlagen. Totenglocken, Alarmglocken, Gedenkglocken? Ganz tief von unten dringt der Ton der Tuba, auf den das "Requiem aeternam" des Chores milde aufsetzt. Mit ihm der Regen, der auf dem Dach der riesigen Fabrikhalle seine Begleitmusik spielt. Die Natur hat gestern Abend bei der bewegenden, großartigen Aufführung des "War Requiem" noch mehr dramatische Momente beigesteuert. Schließlich ging es um das Leben.

VON WOLFGANG NUSSBAUMER

AALEN    Als kurz vor 20 Uhr Uwe Renz die Hand schließt und den Taktstock senkt, herrscht minutenlanges ergriffenes Schweigen. Das tröstende "Amen" mit seinem himmelwärts weisenden harmonischen Akkord ist verklungen. Dann macht sich die aufgewühlte Seele des Publikums Luft in noch längerem stehend gespendetem Beifall. Wenig später ziehen wieder dunkle Regenwolken auf, fahl vom Sonnenlicht wie Bombenqualm, aber eingefasst von einem Regenbogen. Das schlüssige Bild zu Brittens vielfarbigem Requiem, das mit Wilfred Owens tieftraurigen Versen vom Schlachtfeld eine tongewordene Klage gegen den Krieg und seine Väter ist.

Die Chöre der Stadtkirchen von Aalen und Ludwigsburg haben sich zusammen mit dem Ludwigsburger Motettenchor im Rücken der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg zu einem gewaltigen Klangkörper aufgestellt; links versetzt in der von grauem Stahl und grauem Beton dominierten Halle haben die hell gekleideten Knaben des "Collegium Iuvenum" aus Stuttgart ihren Platz gefunden und einen Steinwurf weit entfernt von ihnen an der Längswand hat sich Thomas Haller mit Kammerchor, Tenor und Bariton postiert.

Aus dem Kontrast von groß und klein, von meditativem Erzählton und dem Forte nach Art der Trompeten von Jericho, bezieht das Requiem einen Gutteil seiner Spannung. Und aus der erhabenen Ironie, mit der sich die Musik in den Dienst der Worte stellt. "Zu dir kommt alles Fleisch" intonieren die feinen Knabenstimmen in ihrem frommen Hymnus. Doch wie das auch gemeint sein kann, erzählen später der Tenor Johannes Kaleschke und der Bariton Jens Hamann in Owens furchtbaren Worten über Abrahams Opfer. Der schlachtet nicht den Widder - sondern seinen Sohn "und die Hälfte der Nachkommenschaft Europas, einen um den andern."

   

Kein Wunder, dass das "Dies irae, dies illa" (Tag des Zornes, Tag der Klage") einen zentralen Stellenwert in Brittens Großwerk einnimmt und Owens Dichtung und der Text der Totenmesse kunstvoll miteinander verschränkt werden bis zum schmerzlich berührenden Zwiegespräch zwischen der glockenrein den Text ziselierenden Sopranistin Lydia Zborschil und dem großen Chor im "Lacrimosa dies illa" (Tag der Tränen).

"Tragt ihn in die Sonne" singt der Tenor - und Sonnenstrahlen vergolden tatsächlich die Halle mit mildem Licht. Es gibt noch viele solcher Momente an diesem denkwürdigen Abend 60 Jahre nach Kriegsende, bei denen einem der Atem stockt: Dieses "Amen" am Ende des "Dies irae", das auf das Finale vorausweist; wie die Sopranistin ins hohe Glockenspiel des "Sanctus" hineintaucht und Chor und Orchester gewaltig heterophon aufbranden; wer da strauchelt, landet in der Kakophonie. Aber Uwe Renz hält mit klarem Dirigat unerschütterlich Kurs, bündelt die Kraft in der beschwörenden linken Hand; das "Hosanna" schafft Gänsehaut. Bomben grollen, Kriegsfanfaren schmettern, Schüsse fallen, das Tongemälde mahnt, was sich nie wieder ereignen soll - artikuliert am Ende eines aufrüttelnden "Agnus Dei" als Gegenentwurf vom Owen-Solotenor auf Latein: "Dona nobis pacem" (Gib uns Frieden).

Langsam aber sicher bewegen sich die drei Segmente aufeinander zu, durchdringen sich immer häufiger; das ist Präzisionsarbeit, wie da per Blickkontakt bruchlos der Staffelstab weitergereicht wird bis zum gemeinsamen Finale des "Libera me" (Errette mich). "Lass uns jetzt schlafen" intonieren Tenor und Bariton und der Chor gibt die Antwort: "Lass sie in Frieden ruhen. Amen". Ob alles gut bleibt, liegt an jedem einzelnen. Auch das ist eine Botschaft von Brittens Requiem. Diese haben die Beteiligten mit dem musikalischen Erlebnis ins Gedächtnis eingegraben. Mehr geht nicht.
   


Riesengroß war gestern Abend die Resonanz auf die Aufführung...



Stille, einem Schwure gleich

Stumm. Wortlos. Ergriffen. Einem Schwure gleich senkt sich nach dem letzten Sphärenklang des "War Requiems" ein Vorhang der absoluten Stille über das Publikum. Eine Gedenkminute für die zahllosen Opfer des Zweiten Weltkriegs. Eine Gedenkminute aber auch für ein Musik gewordenes Symbol der Versöhnung zwischen den Völkern.

AALEN Wenige Minuten vor der Aufführung: Eric Spreadbury, Vizebürgermeister aus Aalens englischer Partnerstadt Christchurch, hält die deutsche, französische und englische Flagge in einer Hand. Hält sie hoch und Aalens Oberbürgermeister Ulrich Pfeifle entgegen. Zuletzt reichen sich beide zusammen mit Michel Lelandais, Vizebürgermeister von St Lô, die Hände, fallen sich in die Arme. Ein Symbol der Versöhnung zwischen den einstigen Kriegsgegnern. Mehr als das: ein Stück Geschichte. Denn der 8. Mai steht nicht nur für das Ende der Gräueltaten des Naziregimes, sondern auch für einen Neubeginn, wie OB Pfeifle betont. "Wir haben die Chance ergriffen und den freiheitlichsten Staat aufgebaut, den es je auf deutschem Boden gab. Heute sind wir aufs freundschaftlichste miteinander verbunden."
   

Und in dem Kontext der 56 Millionen ausradierten Menschenleben folgen die Bürgermeister dem Motto des Komponisten Benjamin Britten, der vor seine Partitur die Worte Wilfred Owens setzte: "Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist warnen". Spreadbury hält beide Hände fest gedrückt: "Never, never, never! Dies . . . darf nie mehr geschehen. Politik, Religion, verschiedene Sprachen und Hautfarben, Neid - darf nicht dazu führen, einen Mitmenschen umzubringen." An eine wichtige Etappe auf dem Weg hin zur Aussöhnung erinnert Lelandais mit der Unterzeichnung des deutsch-französischen Vertrags am 22. Januar 1963. "In den vergangenen 40 Jahren ist die Aussöhnung zwischen dem deutschen und französischen Volk ein nachahmungswürdiges Beispiel gewesen." Die deutsch-französische Zusammenarbeit nennt er einen immer noch benötigten Motor für die weitere Ausarbeitung des geeinten Europas.

Schulter an Schulter stehen Ulrich Pfeifle, Michel Lelandais und Eric Spreadbury schließlich nebeneinander, in Antizipation der pazifistischen Botschaft des "War Requiems": "Möge dieses Europa, welches wir gemeinsam bauen, Frieden und Wohlstand für immer bringen."
Ulrike Wilpert
   


Die ehemaligen Kriegsgegner Deutschland, Frankreich,...
Tauben und Schlangen
Schlange 
Wer kurz vor Konzertbeginn noch auf eins der beiden stillen Örtchen musste, merkte schnell, dass es dort alles andere als still zuging: zehn Minuten musste man sich in der Schlange gedulden.

Sonne
Als Tenor Johannes Kaleschke die Zeile "Move him - move him into the sun" deklamierte, warf die Abendsonne ihr warmes Licht durch die schrägen Dachscheiben der Halle, auf die kurz zuvor noch der Regen seine Begleitmusik geprasselt hatte. Als ob jemand Regie geführt hätte.
   
Tauben
Ein Taubenpaar spazierte während der Reden der drei Bürgermeister scheinbar unbeeindruckt hinter der Bühne umher. Als das "War Requiem" so langsam auf Touren kam, flogen die zwei musikalischen Vögel gemeinsam auf und suchten sich unterm Hallendach ein lauschiges Plätzchen. Zwei Friedenstauben? Bestimmt.

Himmel
Ein prächtiger Regenbogen spannte sich nach dem Konzert wie ein Versprechen über den Himmel. Mutter Naturs Krönung eines bewegenden Abends.
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    © Schwäbische Post 9.5.2005
Lydia Zborschil, Sopran - Johannes Kaleschke, Tenor - Jens Hamann, Bariton - Chor der Stadtkirche Aalen - Chor der Stadtkirche Ludwigsburg
Ludwigsburger Motettenchor - Knabenchor Collegium Juvenum Stuttgart - Junge Philharmonie Ostwürttemberg - Kammerorchester